Südwest-England Teil 3

Über den Fischerort Clovelly fahren wir nach Porlock am Rand des Exmoors, wo wir weitere drei Nächte bleiben.

Clovelly

Clovelly stellt eine Besonderheit unter all den britischen Orten dar: es ist als Ganzes in Privatbesitz! Die Familie Hamlyn, vor allem die Frau des Hauses, Christine, sorgt auch für die Erhaltung des Ortsbildes und die Renovierung der Häuser. Als Besucher:in ist ein Eintrittsgeld fällig. Der Ort ist autofrei, vom Parkplatz man geht die mit Strandschotter gepflasterten Gassen etwa 130 Höhenmeter zum Hafen hinunter. Für Warentransporte nutzen die Bewohner:innen Schlitten! Die Häuser sind liebevoll gepflegt, in winzigen Vorgärten werden Blumen angepflanzt (auch die Erde dafür wird im Schlitten herangekarrt).
Wir wandern bis zum Hafen hinunter und am Rückweg stärken wir uns in einem der Tea rooms.

Exmoor

Wie das Dartmoor ist auch das Exmoor eine Heidelandschaft. Das Naturschutzgebiet ist geprägt von flachen Hügeln (die höchste Erhebung ist 500 m hoch). An Kreuzungen von Verkehrswegen haben sich einige Häuser angesammelt, ansonsten gibt es Bauernhöfe, die Schaf- und Rinderzucht betreiben.
Auch im Exmoor gibt es eine mittelalterliche „Clapperbridge“, eine Steinplattenbrücke, die Tarr Bridge.
Wir machen eine kleine Wanderung über die mit gelbem Stechginster bewachsene Hügellandschaft, an Schafweiden vorbei, zum „Caratacus-Stein“, einem Megalith mit Beschriftung aus nachrömischer Zeit, der auf einen Neffen eines lokalen Anführers, der im 1. Jahrhundert Widerstand gegen die römische Invasion leistete, hinweist.
Zum Abschluss stärken wir uns im 400 Jahre alten „Tarrfarm Inn“.

Porlock

Unser Ferienquartier liegt in Porlock, einem Ort an der Küste mit einem romantischen Ortsbild. Wir essen im „Ship Inn“ zu Abend, der eine lange Geschichte bis zurück ins 15. Jahrhundert hat und damit zu den ältesten Gasthöfen Englands gehört.
Am Ortsrand liegt „Greencombe Garden“, ein kleiner verwunschener Privatgarten mit moosbedeckten Wegen und einer farbenprächtigen Rhododendronbepflanzung.

Dunster Castle

Der steile Hügel am Rand des Exmoors trägt seit dem 11. Jahrhundert eine Burg. Im 14. Jahrhundert kaufte es die Familie Luttrell, aus deren Besitz es 1976 an den National Trust übergeben wurde. Die frühesten heute sichtbaren Bauten stammen aus dem 14. Jahrhundert (das Große Torhaus). Im 17. Jahrhundert kam ein stattliches Herrenhaus dazu, im 18. Jahrhundert wurden weitere Gebäude hinzugefügt, Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte ein umfangreicher Umbau nach dem viktorianischen Zeitgeschmack – es sollte eine mittelalterlich aussehende Burganlage entstehen, die innen mit den Errungenschaften des 19. Jahrhunderts ausgestattet sein sollte (Gasbeleuchtung, Zentralheizung, moderne Küchen). In den 1920er Jahren war die Burg noch einmal gesellschaftlicher Mittelpunkt. Wegen der hohen Erbschaftssteuern musste die Burg schließlich an den National Trust übergeben werden – heute lebt niemand von der Familie mehr in der Burg.
Um die Burg liegen Parklandschaften mit exotischen Gehölzen, der „Keep Garden“ mit Staudenrabatten und einem Aussichtspavillon („Folly“), Bachläufe mit romantischen Brücken und eine alte Wassermühle, die bereits im 11. Jahrhundert erwähnt wurde. Die heutigen Gebäude stammen aus dem 18. bis 19. Jahrhundert und es wird dort noch immer Getreide gemahlen (das man im angeschlossenen Shop kaufen kann).

Lynmouth und Lynton

Lynmouth liegt an der Küste, an der Mündung des Flusses Lyn, und Lynton liegt etwa 150 m oberhalb – die beiden Orte werden oft in einem Atemzug genannt, weil sie seit 1890 mit einer Standseilbahn verbunden sind. Diese Standseilbahn funktioniert durch das Gewicht der Wassertanks, die unten an den Waggons angebracht sind: zur Bergfahrt sind sie leer, zur Talfahrt werden sie oben befüllt und ziehen durch die Schwerkraft den leichteren Bergfahrtswaggon auf der Gegenschiene hinauf.

Als wir in Lynmouth eintreffen, gibt die „Appledore“ Blasmusikkapelle ein Konzert vor der Memorial Hall.
Das so harmlose Flüsschen Lyn hat 1952 eine schwere Flutkatastrophe verursacht.
Der Rhenish Tower am Hafen hatte eine doppelte Funktion: ein Leuchtturm, aber auch ein Wasserspeicher für Meerwasser für die illustren Gäste des „Bath Hotels“. Auch der Turm wurde durch die Flut von 1952 zerstört, aber wieder aufgebaut. Der Name kommt von den Wachtürmen am Rhein, denen er nachgebaut ist.

Die Kirche zur Jungfrau Maria in Lynton oben am Hügel hat einen Kirchturm aus dem 13. Jahrhundert, das Kircheninnere ist aus dem 15. Jahrhundert. Das viktorianische Rathaus ähnelt einer Mischung aus mittelalterlichem Fachwerkhaus und einer befestigten Burg.

Hestercombe Gardens

Unter Gartenkennern gilt Hestercombe als ein Meilenstein der englischen Gartenkultur: es ist das erste gemeinsame Werk der vielfältigen Künstlerin und Gartengestalterin Gertrude Jekyll und des Architekten Edward Lutyens, die die Haus- und Gartengestaltung in England vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre prägten. Sie entwarfen zusammen rund 100 Häuser mit Gärten. In Hestercombe legten die beiden ein streng symmetrisches Gartenparterre an, dessen Rasen- und Blumenflächen von geraden Wegen durchschnitten wird und an Renaissancegärten erinnert. Das Element Wasser ist durch zwei Wasserkanäle, Brunnen und Wasserbecken vertreten. Im Süden, zum Tauntontal hin, schließt das Parterre eine mit Kletterpflanzen berankte Pergola ab. Das Parterre wurde so angelegt, dass es ist am besten von der Südterrasse des Herrenhauses zu überblicken ist. Gertrude Jekyll legte Wert auf farbliche Kombinationen der Pflanzen und propagierte mehrjährige Stauden (im Gegensatz zur im viktorianischen Zeitalter herrschenden Mode der einjährigen Beete).
Daneben gibt es in Hestercombe auch einen großen georgianischen Landschaftsgarten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Garten wurde erst 1992 wieder freigelegt und restauriert. Er zieht sich einen kleinen Bachlauf entlang, mit Teich und Wasserfall, und enthält einige kleine Bauwerke wie Grotten oder Tempelchen. Insgesamt machte er bei unserem Besuch einen zwar romantischen, aber etwas verwilderten Eindruck.

Kathedrale von Wells

Zum Abschluss der Reise erwartet uns noch ein Höhepunkt: die Kathedrale von Wells. Eine der ersten frühgotischen Kirchen Englands und die erste, die vollständig mit gotischen Spitzbögen ausgestattet wurde (Ende 12. Jahrhundert).
Berühmt sind die Scherenbögen in der Vierung: Sie wurden zur Verstärkung der Vierungspfeiler errichtet. Der Chor ist fast so lang wie das Hauptschiff und und von einem Rippengewölbe überdeckt, dessen kunstvolles Design vermutlich auf Holzdeckenkonstruktionen verweist. Im Osten schließt der Chor oben mit einem großen farbenprächtigen Glasfenster ab, dem „Goldenen Fenster“ von 1330, es zeigt den Stammbaum Jesse.
Die niedrigere „Ladys Chapel“ (Marienkapelle) mit dem zierlichen Sternrippengewölbe schließt direkt an den Chor an.
Im nördlichen Seitenschiff schlägt eine Astronomische Uhr zu jeder Viertelstunde, dabei erscheinen vier Ritter zu einem Turnier (Ende des 14. Jahrhunderts).
Der Kapitelsaal vom Ende des 13. Jahrhunderts ist in einem eigenen Kapitelhaus untergebracht, zu ihm führt eine elegant geschwungene Treppe hinauf. Beeindruckend am Kapitelsaal ist die Mittelsäule, von der aus 32 Rippenbögen, die in Fächerpfeilern münden, den oktogonalen Raum überspannen. Die Schäfte sind jeweils aus schwarzem polierten Fossilienkalk. Der gesamte Raum wirkt wie aus einem Guss, ästhetisch sehr ausgewogen.

Unsere letzte Nacht in England verbringen wir im Princess Royale Hotel, das nach den „Königlichen Prinzessinnen“ benannt ist, einem Ehrentitel, das der englische Monarch der ältesten Tochter zuerkennen kann (nicht automatisch muss). Es gibt jeweils immer nur eine Princess Royale, gegenwärtig ist es Prinzessin Anne, die Schwester König Charles III.
… und zum Abschluss gibt es noch einmal „Fish and Chips“!

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