Führung Villa Beer 16. April 2026

Ein paar Tage später nahm Rosmarie an einer Führung durch das Haus teil, die vom Fotoklub NF12 organisiert worden war. Die Führerin sprudelte förmlich über vor interessanten Informationen zur Villa, zum Architekten und den Bewohner: innen:
Die Villa ist auf einem Teil der „Neuen Welt“-Gründe errichtet, einem Vergnügungsetablissement von Carl Schwender aus den 1860er Jahren, wo auch Johann Strauß und seine Brüder regelmäßig aufspielten. Der Grund umfasste ursprünglich 5.000 m², war deutlich größer als heute.
Den Auftrag der Familie Beer bekam 1929/30 das Architekturbüro Frank – Wlach – Strnad, wobei Josef Frank die gestalterischen Arbeiten übernahm.
Frank war von zwei Strömungen beeinflusst: einerseits vom Roten Wien der Sozialdemokraten, andererseits von der damals aufkommenden „Zurück zur Natur“ Bewegung als Gegenströmung zur Industrialisierung. Ersteres manifestierte sich im gleichwertig gestalteten Dienstbotentrakt (der Lieferanteneingang ist mit dem Rundbogen sogar stärker akzentuiert als der Haupteingang), zweiteres in der Einbeziehung der umliegenden Natur und des Gartens mit den großen Fensterfronten von Wohn- und Speisezimmer in den Garten und den insgesamt vier Terrassen. Die Lebensreformbewegung kam aus England, Fokus auf Luft, Natur, Sonnenbaden. Die Reformpädagogik (z.B. Eugenie Schwarzwald) und die Siedlerbewegung waren weitere Strömungen – alles getragen von der damaligen Oberschicht.

Bei der Fassadengestaltung wurde explizit der Schattenwurf der Bäume im Vorgarten als Gestaltungselement genutzt (deshalb hat der linke Teil keine Fenster und wurden die ursprünglich gepflanzten Robinien durch 60 Jahre alte aus Deutschland wieder ersetzt).
Die Diagonale und das Raster war Frank als Gestaltungselement wichtig, nicht die Symmetrie der Anlage.

Man betritt das Haus durch einen kleinen Garderobenraum, der mit Spiegeln nicht spart – man schaut ins Grüne, der Raum wird optisch vergrößert.
Der nächste Raum ist das Foyer mit dem Stiegenaufgang. Die Wendeltreppe verwehrt einen direkten Blick zu den Schlafzimmern im 1. Stock, erhält aber Licht von oben als einladendes Element.

Das Motiv des Schiffsbaus wird mit dem Geländer in Gestalt einer Reling und dem Bullauge aufgegriffen, das Thema war damals en vogue.

Die Haustechnik war neuester Stand der Technik, aber es wurde nichts extra erfunden, es wurden keine besonderen Effekte zelebriert. Es gab Zentralheizung (ursprünglich Kohle, jetzt Erdwärme), Speiseaufzug, Haustelefon (Anschluss im Damenzimmer noch zu sehen), viele Lichtschalter und Steckdosen, aber auch drei offene Feuerstellen, im Foyer, im Wohnraum und im Herrenzimmer – diese wurden durch Materialien betont (Kupferblech, ausgesuchte Steinfliesen davor). 90 Prozent der eingesetzten Materialien waren aber Standard (wie z. B. Eichenparkett oder Kunststein für die Fensterbänke). Aus dem Rahmen fällt der Boden aus Naturkautschuk für die Arbeits- und Gymnastikräume – vermutlich dem Geschäftsfeld (Vertrieb von Gummisohlen aus Naturkautschuk) der Firma Beer geschuldet.

Die Bibliothek im Zwischengeschoß ist relativ klein – das Haus war als Gesellschaftshaus geplant worden. Margarete Beer war Pianistin, die Familie gab musikalische Soiréen. Der jetzige Bösendorfer Flügel ist ein baugleiches Modell des originalen. Der Standpunkt im Zwischengeschoß war so gewählt, dass die Spielerin/der Spieler von unten nicht gesehen werden konnte. Dafür wurde das ganze Haus beschallt.

Bei der Renovierung wurde alles, was nicht mehr vorhanden war und farblich nicht rekonstruiert werden konnte, grau eingefärbt. Da Farbinformationen fehlen, sind die Muster der Vorhänge und Möbelstoffe zwar von Josef Frank, aber nicht die in der Villa ursprünglich verwendeten Designs.

Durch die Nachbesitzer wurden nach deren Bedürfnissen einige Umbauten vorgenommen, die bei der Renovierung wieder zurückgenommen wurden.

Familie Beer hatte eine Asiatica-Sammlung und auch in der Villa gibt es asiatische Anklänge: der Teesalon im Halbstock, dessen rundes Fenster auch als „Mondfenster“ interpretiert werden kann.

„Gute Architektur funktioniert immer für alles“ – egal, was die Bewohner daraus machen! Gegensätzliche Auffassung zu Gesamtkunstwerk wie z.B. Villa Tugenhat.

Dass die Villa als Partyhaus geplant wurde, merkt man auch im Obergeschoß, in den Privaträumen: auch hier sind Aufenthaltsräumlichkeiten geschaffen worden für den Rückzug ins private Leben: Frühstückszimmer, getrennte Bereiche für Eltern und Kinder (samt den jeweiligen Badezimmern), private Terrassen.

Die Fenster sind aus Ziehglas, die großen Fenster unten aus geschliffenem Kristallglas. Die Oberlichten konnten mittels Kurbeln geöffnet werden. Es waren sogar noch 70% der Ziehglasfenster vorhanden!

Die Dienstbotenstiege war mit grünem Naturkautschuk belegt, genauso wie das Gymnastikzimmer der (gehbehinderten) Tochter Elisabeth. Das von ihr auch als Dunkelkammer benutzt wurde (sie war mit Trude Fleischmann befreundet).

Im Untergeschoß sind neben der Küche und Speisekammer auch Dienstbotenräume angelegt, die ähnlich komfortabel wie die Herrschaftsräume ausgestattet waren. Es gibt einen Speiselift.

Der Speiseraum ist der repräsentativste Raum, mit ausgesuchtem Parkett aus Palisander, Eiche und Ahorn, großer Glasfront zum Garten hin, indirekter Beleuchtung an der Decke und Einbauschränken aus Satinholz. Die Stecker und Schalter waren ursprünglich aus Bakelit (fünf waren noch vorhanden), diese wurden mittels 3D Druck nachgearbeitet. Die weißen Schutztafeln sind aus Beinglas, von dem sich bei einem Glaser noch 3 große Platten fanden, die gerade ausreichten. Insgesamt sind in dem Haus 200 Steckdosen und 150 Schalter verteilt!

Garten

Die ursprüngliche Gartenanlage ist nicht bekannt, es gab Obstbäume, deren Wurzelstöcke bei der Neugestaltung gefunden wurden. Klinkerfliesen der Terrasse und eine der Kamin-Marmorplatten wurden im Garten gefunden und zur Rekonstruktion verwendet. Das Gartenhaus wurde er originalen nachgebaut (samt dem runden Bullauge). Auch die unterschiedlichen Terrassen erinnern an Schiffsdecks. Ganz oben gibt es auch eine Sonnenbad-Terrasse.

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