Kirgistan 2019

Im Herbst 2019 machen wir eine zweiwöchige Rundreise durch Kirgistan. Wir sind nur eine kleine Gruppe, ein weiteres Ehepaar und wir.

Kirgistan liegt im Herzen Asiens, ist ein Binnenland und grenzt an Kasachstan, China, Tadschikistan und Usbekistan. Seit dem 19. Jahrhundert war es Teil des russischen Reiches und nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 ist es eine unabhängige Republik. Die Präsenz der verschiedenen russischen Machthaber ist noch immer merkbar.

Kirgistan liegt im Tianshan Gebirge, mehr als 90% des Landes sind Gebirge und Hochebenen. Die alte Seidenstraße schlängelte sich entlang der Flusstäler und über bis 4.000m hohe Pässe. An Spuren davon hat sich kaum was erhalten, nur die alte Karawanserei von Tasch Rabat legt ein eindrucksvolles Zeugnis des alten Handelsweges ab.

Die Kirgisen waren ursprünglich Nomaden und Halbnomaden, letztere leben nur im Sommer auf den Hochweiden mit ihrem Vieh und verbringen die Winter in Dörfern. Die Kolchosenwirtschaft der UdSSR hat versucht, die Landwirtschaft auf sesshafte Bauern umzustellen, was kaum gelungen ist – zu fremd war diese Produktionsweise für die Nomadenkultur. Russland ist aber immer noch ein wichtiger Handelspartner für Kirgistan.

Kirgistan ist ein muslimisches Land, vor allem Saudi-Arabien sponsort in großem Ausmaß dörfliche Moscheen (von knapp 40 Moscheen 1991 bis über 2.000 heute). Im täglichen Leben ist vom Islam allerdings bis auf die Moscheen kaum was zu merken, da sind doch die ganz anders geartete Nomadentradition und der kommunistische Einfluss in der Vergangenheit zu groß.

Wir starten unsere Reise in der Hauptstadt Bishkek, deren heutige Anlage und Architektur noch sehr der UdSSR verhaftet ist. Monumentale öffentliche Bauten stehen an noch gigantischeren weiten Plätzen und Avenuen.

Es geht zunächst nach Süden, wir überqueren mehrere Pässe und Hochtäler, passieren den Toktogul Stausee und kommen nach Arslanbob, bekannt für die weltgrößten Walnusswälder, mit dem Babash Ata Gebirgsmassiv dahinter.

Es ist schon herbstlich, das Laub verfärbt und die Gebirgszüge – praktisch immer im Blickfeld – sind schon schneebedeckt.

Im Südwesten Kirgistans wird Baumwolle angebaut. Meist aber dominieren Weiden und Viehherden die Landschaft. Pferde sind am wichtigsten, daneben werden Kühe, Schafe und Ziegen gezüchtet, auch einige Kamelherden sehen wir, es handelt sich um zweihöckerige baktrische Trampeltiere.

Im Zentrum Kirgistans liegt einer der Höhepunkte: der Song Köl (Song See) – ein 3.000 m hoch gelegener Gebirgssee inmitten von Weiden auf einer Hochebene, umgeben von sanft gerundeten kahlen Bergketten. Hier heroben leben Halbnomaden im Sommer in ihren Jurten und lassen ihre Kühe und Pferde weiden. Ende September ist Viehabtrieb und auch während unseres Aufenthalts packen Nomaden ihre Jurten zusammen. Die stattlichen Jurten werden zu handlichen Bündeln mit Stangen und Filzdecken verschnürt und heutzutage per LKW ins Tal transportiert. Das Vieh ist per pedes unterwegs – auch wir begegnen auf unserer Rundreise immer wieder großen Herden von Pferden, Kühen oder Schafen, die ins Winterquartier getrieben werden, begleitet von Nomaden zu Pferd. Gerne wird dafür auch die Straße benützt – die Autofahrer warten geduldig.

Wir schlafen in einer Jurte, es gibt rund um den See einige Touristen-Jurtenlager (leider ist der Song Köl sehr populär). Betten mit dicken schweren Decken stehen an den Wänden, der Boden ist mit Teppichen bedeckt, verschlossen ist die Jurte mit einer Holztür. In der Nacht hat es Minusgrade, aber die Jurten werden mit Öfen beheizt. Beim Einschlafen ist es saunaheiß in der Jurte, aber wenn der Ofen ausgegangen ist, wird es schnell kalt, in der Früh ist es dann doch frisch drinnen. Die Nomaden erzeugen Käse und Kumyss aus der Stutenmilch. Kumyss ist vergorene Milch, die in Ledersäcken aufbewahrt wird und auch daher ihr einzigartiges Aroma entwickelt – sie schmeckt nach saurem Rauch. Wie der sehr salzige, harte Käse ist das sehr gewöhnungsbedürftig für uns!

Durch das Naryntal und die Stadt Naryn geht es nach Süden in den sehr abgelegenen Teil Kirgistans an der Grenze zu China. Hier steht die Karawanserei von Tasch Rabat aus dem 15. Jahrhundert – beeindruckend durch die Lage in einem Hochtal des Atbaschy Gebirges. Auch hier schlafen wir wieder in einer Jurte. Tasch Rabat ist für uns der Höhepunkt der Reise: das alte gedrungene Gemäuer, das Jurtenlager an dem Flüsschen und die umliegenden Viehweiden ergeben ein stimmiges Bild.

Wir sehen immer wieder islamische Friedhöfe. Die machen auf uns einen verfallenen Eindruck, aber das ist gewollt, die Grabmäler sollen wieder „zu Staub“ werden – wie der Mensch.

Der Issyk Köl (Issyk See) im Norden ist wieder ein sehr populäres Feriengebiet. In einem Dorf wird uns der Aufbau einer Jurte demonstriert – mit unserer tatkräftigen Mithilfe dauert es nur eine Dreiviertelstunde.

Landschaftlich beeindruckend sind das „Märchental“ Skaska mit bizarren Erosionsformen und die roten Sandsteinkuppen der Dshety Ögüz, „Sieben Ochsen“ (benannt nach einer Sage).

Am Ostufer liegt Karakol, eine russische Garnisonsstadt aus der Zarenzeit, für uns interessant, weil es hier ein Prschewalski-Museum gibt, mit einem ausgestopften Prschewalskipferd, einem asiatischen Wildpferd (die Lage des Museums hier ist Zufall, der russische Forschungsreisende Prschewalski ist auf seiner letzten Innerasien-Expedition hier gestorben).

In Tscholpon Ata am Issyk Köl liegt ein großes Petroglyphenfeld aus der Skythenzeit (1. Jahrtausend v. Chr.). Die Felsritzungen von verschiedenen Tierarten sind schamanischen Ursprungs.

Auf der Rückfahrt nach Bishkek machen wir noch einen Abstecher zur archäologischen Stätte Burana. Ein Minarett aus dem 10. Jahrhundert zeugt von der damaligen türkischen Herrschaft. Am interessantesten sind aber die Balbals, in Menschengestalt behauene Steine, die vermutlich zum Andenken an verdiente Menschen errichtet wurden. Die ältesten stammen aus dem 6. Jahrhundert.

Ein letzter Stadtbummel durch Bishkek beendet unsere Reise.

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